E-Health und Telemedizin – Belastung für die Ärzte oder die Zukunft der medizinischen Behandlung?

Arzt der an seinem Notebook arbeitet

Mit dem Arzt per Videochat oder Telefon sprechen, anstatt im überfüllten Wartezimmer zu sitzen, schien vor einiger Zeit noch unvorstellbar. Doch immer mehr Ärzte und Patienten springen auf den Zug der Digitalisierung auf. Dieser Artikel beschreibt Aktuelles zum Thema E-Health und Telemedizin in Deutschland.

Inhaltsverzeichnis

  1. Das digitale Zeitalter
  2. E-Health und Telemedizin
  3. Informationssuche bei „Dr. Google“
  4. Hausbesuche ab sofort durch eNurses oder Betreuung an der Hotline?
  5. Chancen und Risiken von E-Health
  6. Fazit
  7. Referenzen

1. Das digitale Zeitalter

Der Gebrauch mobiler Endgeräte (Smartphones, Tablets), des Internets, Bankgeschäfte von zu Hause erledigen oder Bilder einfach online verschicken, anstatt sie erst entwickeln zu lassen – all das ist für uns mittlerweile alltäglich. Doch wie kam es zu dem Wandel, dass man sich nicht mehr persönlich oder telefonisch verabredet, Postkarten und Briefe verschickt und seine Überweisungen am Monatsanfang auf die Bank bringt?

Im Jahre 1969 verbanden sich die ersten Rechner miteinander. Das Internet, wie es heute verwendet wird (World Wide Web), wurde 1989 von Tim Berner-Lee entwickelt und stetig weiterentwickelt. Wo anfangs nur Dokumente austauschbar waren, existiert heute das „Mitmach-Internet Web 2.0“, dessen Begriff von Tim O’Reilly im Jahr 2005 geprägt wurde. Dadurch ist es jedem möglich Dateien herunterzuladen, aber auch selbst Dateien im Internet zur Verfügung zu stellen. [1]

Auch die Kleinsten kommen heute bereits frühzeitig mit dem Internet und digitalen Medien in Berührung. Entweder läuft der Fernseher nebenbei, die Spielekonsole wird entdeckt, Apps werden zum Zeitvertreib auf dem Smartphone genutzt oder schulrelevante Themen einfach im Internet recherchiert. Während man in den Anfangszeiten des Internets noch darauf achtete, dass man keine Minute zu lange „online“ ist, da das ansonsten die Kosten sprengt, ist das Internet heutzutage nicht mehr wegzudenken. In einer Umfrage in Deutschland, Großbritannien, Russland und den USA wurden 1.000 Eltern befragt, wann sie ihren Kindern den Umgang mit Smartphones und dem Internet erlauben. Der erste Internetgebrauch ist in Deutschland „am spätesten“, d.h. mit fast 10 Jahren gewähren Eltern ihren Kindern die Nutzung von Internet und des ersten eigenen Smartphones. [2] Was Kinder bei den Eltern sehen, wird oft für richtig empfunden und nachgeahmt. Für Kinder scheint somit die Nutzung von digitalen Hilfsmitteln vollkommen gewöhnlich zu sein.

Kind mit einem Smartphone

Viele der Nutzer dieser digitalen Medien haben heute bereits kein Problem mehr damit, den Arzt online zu kontaktieren, viele erwarten sogar von ihren Ärzten online erreichbar zu sein. [3] Dieses Ergebnis kam bei einer Befragung der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (apoBank) heraus, sodass viele in der Gesundheitsbranche beinahe gezwungen sind, derartige Dienstleistungen anzubieten. Doch was genau fordern die Patienten?

2. E-Health und Telemedizin

Über die Hälfte der Befragten (59 %) gab in der Umfrage der apoBank an, dass sie sich die Möglichkeit der Online-Terminvereinbarung wünschen. Der direkte Kontakt mit dem Arzt über Telefon, Video oder Chat sind Wege, die sich ein Drittel bis die Hälfte der Befragten vorstellen können. [3]

Patientenbefragung
Ergebnis der Patentenbefragung zur Digitalisierung in der Medizin (Eigene Darstellung nach Hauke Gerlof, Patienten erwarten E-Services vom Arzt, ÄrzteZeitung, Nr. 54-93D, 16.05.2018, S. 14)

Wenn man neu in einer Stadt ist und noch keinen Arzt kennt oder zu einem Facharzt überwiesen wird, freut man sich über Empfehlungen von Bekannten und Freunden. Doch was soll man tun, wenn man keine Empfehlungen bekommt? Ein Drittel der Befragten gab an, dass sie sich auf Homepages der Ärzte und auf Online-Bewertungsportalen über die Ärzte informieren. [3] Ärzte können das Internet also zu ihrem Vorteil nutzen: Anbieten von Informationen und besonderen Services für ihre Patienten, Angabe Kontaktdaten und Vorstellung des Teams. Der Sympathiefaktor gewinnt bei den Patienten bei der Auswahl ihres zukünftigen Arztes zunehmend an Bedeutung.

Gesundheits-Apps

Für das Smartphone wurden bereits Apps (Anwendungen) entwickelt, die eine digitale Arztdiagnose simulieren, Gesundheitstagebücher darstellen oder einfach die Fitness und den Lifestyle des Anwenders abbilden. [6,7] Bereits im Jahr 2016 wurde prognostiziert, dass das Marktvolumen von mobilen Gesundheitsangeboten (Abk. Mobile Health oder mhealth) im Vergleich zu 2015 um ca. 5,5 Milliarden US-Dollar auf 20 Milliarden US-Dollar ansteigen wird. [7]

Fitness-App

An der Programmierung und Entwicklung der App „Ada Health“ waren über 100 Mitarbeiter aus Berlin, München und London beteiligt. Diese App bietet dem Nutzer die Möglichkeit seinen Gesundheitszustand anhand der Eingabe von Symptomen einzuschätzen. Dabei wird nach Symptomen gefragt wie z.B. Unwohlsein, Schwindel und Kopfschmerzen. Zusätzlich muss der Patient seine Daten zu Größe, Gewicht und eventuellen Allergien angeben. Bis Ende 2017 hatten bereits 1,5 Mio. Menschen diese App benutzt. [6]

TeleClinic ist eine Beratungsplattform, die in Deutschland als erstes Unternehmen in den E-Health-Markt eingestiegen ist. TeleClinic schließt mit Arbeitgebern oder Krankenkassen Verträge ab, sodass das Einholen der Erst- oder Zweitmeinung für den Patienten kostenlos ist. [23] Die Patienten haben jeden Tag der Woche rund um die Uhr die Möglichkeit einen Arzt zu sprechen. Vorteil dieser Plattform ist, dass für die Nutzer eine digitale Patientenakte erstellt werden kann, in die der Arzt nach Freigabe durch den Patienten auch Einsicht erhält. [24]

Gesetzliche Unterstützung für den Ausbau des digitalen Gesundheitsmarktes

Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) unterstützt den Aufbau der sicheren Infrastruktur und die Einführung medizinischer Anwendungen, damit die Möglichkeiten der Telemedizin noch besser genutzt werden können. Am 29.12.2015 trat das Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen (E-Health-Gesetz) in Kraft. [8] Durch dieses Gesetz soll der Dialog zwischen allen Akteuren gefördert werden. [7] Ziele dieses Gesetzes sind die Schaffung von Anreizen für die zügige Einführung und Nutzung von medizinischen Anwendungen, die Öffnung der Telematikinfrastruktur und die Förderung telemedizinischer Leistungen wie beispielsweise Online-Videosprechstunden oder die telekonsiliarische Befundbeurteilung von Röntgenaufnahmen. [8]

Gesetzesbücher und Richterhammer

Umsetzungshürden, um die digitalen Anwendungen zu etablieren, sollen mithilfe einer Initiative des BMG identifiziert und anhand von Maßnahmenpaketen abgebaut werden. Diese E-Health-Initiative wurde 2010 gegründet und beschäftigt sich mit den Fragen [8]:

  • Wie kann bei Gesundheits-Apps mehr Transparenz und Qualität geschaffen werden?
  • Wie kann die Telemedizin gefördert werden?
  • Wie kann der Übergang erfolgreicher Pilotprojekte in die allgemeine Gesundheitsversorgung gelingen?

Im Fokus der E-Health-Initiative stehen derzeit vor allem „Mobile Anwendungen“ und „Anwendungen mit großen Datenmengen (= Big Data)“. Die Erschließung dieser beider Themenfelder soll die Erhaltung und die Verbesserung der Versorgung gewährleisten. Die vom BMG geförderte Studie „Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps – CHARISMHA“ stellte drei Handlungsfelder heraus [8]:

  • Es soll mehr Transparenz und Qualität am Markt geschaffen werden.
  • Es soll mehr Orientierung für die verschiedenen Nutzergruppen geboten werden.
  • Es soll eine schnellere Integration nutzenbringender Innovationen in die Versorgung ermöglicht werden.

Modellprojekte in Baden-Württemberg

Der Telemedizin-Anbieter DrEd aus Großbritannien darf der Apotheke adhoc zufolge in Baden-Württemberg wieder Patienten behandeln. Die Online-Praxis wurde vom ehemaligen Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) per Gesetz verboten. Die Landesärztekammer in Baden-Württemberg gilt bisher als „Vorreiter in Sachen Telemedizin“. [10] Derzeit werden Patienten in Deutschland mit 30 verschiedenen Indikationen betreut, wobei vor allem unangenehme Themen wie Asthma, Verhütung und Potenzstörung angesprochen werden. Die Verschreibung von starken Schmerz- und Schlafmitteln findet aufgrund eines erhöhten Sucht- und Missbrauchspotenzials nicht statt. [25] Ende des Jahres wird DrEd unter dem neuen Namen Zava laufen, was vom Französischen „Ça va?“ – „Wie geht´s?“ abgeleitet ist. [25]

Ein anderes, außergewöhnliches Projekt stellt das im Frühjahr gestartete Modellprojekt dar. Bei diesem werden Gefängnisinsassen per Videosprechstunde von Ärzten behandelt. Ziel des Projekts ist die Reduktion der Fluchtgefahr der Insassen während eines Arztbesuches. Im April bis September werden Insassen der Gefängnisse in Stuttgart, Rottenburg, Schwäbisch Gmünd, Adelsheim und Hohenasperg per Video behandelt. Ein Hamburger Unternehmen stellte dafür die Technik und die behandelnden Ärzte zur Verfügung. [10]

3. Informationssuche bei „Dr. Google“

72 % der Teilnehmer der bereits erwähnten apoBank-Umfrage gaben an, dass sie sich im Internet über ihre Symptome und mögliche Therapien informieren. [3] Die Informationssuche wird zur Selbstdiagnose oder nach einem Arztbesuch genutzt. [4] Erst Anfang 2018 wurde eine neue Studie durchgeführt, welche ergab, dass 46 % aller Erwachsenen in den letzten 12 Monaten medizinischen Rat im Internet gesucht haben. 62 % recherchieren im Anschluss an einen Arztbesuch im Internet nach den Informationen, die der Arzt ihnen gab oder nach alternativen Behandlungsmethoden. Online-Plattformen dienen dem Austausch und als emotionale Unterstützung unter Gleichgesinnten. [5] Marion Grote-Westrick von der Bertelsmann-Stiftung erklärte jedoch, dass kaum ein Patient darauf achten würde, ob die Informationen wissenschaftlich belegt seien, sondern eher, wie oft diese Information im Internet zu finden war. Die Bundesärztekammer empfiehlt, dass Ärzte im Stande sein müssen, ihren Patienten zu sagen, wo sie welche Informationen finden können.

Informationsportale im Internet

Im Internet nach Informationen zu seinen Symptomen und Krankheiten zu suchen, kann in lange, kaum endende, Recherchen münden. Es gibt Portale, in denen jeder Bürger seine eigene Antwort zu einem Problem/einer Frage eines anderen veröffentlichen kann. Doch derartige Seiten hinterlassen Unsicherheit, inwieweit die gefundenen Informationen auf mich zutreffen und der Wahrheit bzw. aktuellen Forschungsergebnissen entsprechen. Fachverlage, Forschungseinrichtungen, Arztpraxen und Kliniken sowie pharmazeutische Unternehmen veröffentlichen regelmäßig spannende Informationen und aktuelle Forschungsergebnisse über verschiedene Krankheiten und geben Tipps, wie Betroffene am besten damit umgehen können.

Zum Beispiel bietet der Deutsche Verlag für Gesundheitsinformationen auf seiner Website „umfassende und strukturierte Inhalte zum jeweiligen medizinischen Bereich“ an, sowohl für Patienten als auch deren Angehörige. Die Patienten haben hier die Möglichkeit sich umfassend zu einem Themengebiet zu informieren, mit der Sicherheit, dass die Inhalte eine hohe Qualität besitzen, da der Verlag mit ausgewählten Ärzten zusammenarbeitet. Patienten können sich über Themengebiete wie Gastroenterologie, Pneumologie, Allergien, Neurologie, Gynäkologie u.v.m. erkundigen. Jedes Themengebiet bietet ein eigenes Portal mit Beiträgen, einem Facharzt-Finder und einem Blog an. Derartige Portale und Internetseiten sind wissenschaftlich geprägt, sodass sich die Patienten über den Stand der Wissenschaft und ärztliche Meinungen informieren können. [16]

Auf der anderen Seite gibt es viele Unternehmen, die sich darauf spezialisiert haben, Medikamente gegen eine bestimmte Krankheit zu entwickeln. Auf der Grundlage der Forschungsergebnisse dieser Firmen und der jahrelangen Erfahrung in diversen Indikationen stellen viele Pharmaunternehmen Informationen zur Verfügung, wie mit bestimmten Krankheiten umzugehen ist und wie diese behandelt werden können. Die Pharmaunternehmen erklären in diesem Zusammenhang in der Regel, wie ihre eigenen Produkte im Stande sind Krankheiten zu lindern bzw. zu bekämpfen. Ein werblicher Faktor spielt auf diesen Seiten immer eine Rolle. Die Firmen planen durch die Informationen Kunden auf sich aufmerksam zu machen, die Kundenbindung zu stärken und zeitgleich ihre Produkte zu bewerben. Selbstverständlich sind die Hintergrundinformationen und wissenschaftlichen Ergebnisse dabei stets richtig und sollten keineswegs unterschätzt oder gar wegen des werblichen Beigeschmacks als unglaubwürdig eingestuft werden.

Patienten können sich immer eine neutrale Empfehlung zur Medikation einholen, indem sie die Leitlinien zur entsprechenden Erkrankung lesen. Leitlinien sind nach der Definition der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) „[…] systematisch entwickelte Hilfen für Ärzte zur Entscheidungsfindung in spezifischen Situationen.“. [18] Sie werden nach genauen Vorgaben der AWMF von der jeweiligen Fachgesellschaft entwickelt. [17] Die AWMF stellt alle aktuellen Leitlinien jeder Fachgesellschaft zur Verfügung. [18] Die Leitlinien werden regelmäßig auf den derzeitigen Stand der Wissenschaft aktualisiert, sodass immer gewährleistet ist, dass jedem die aktuelle Version zur Verfügung steht.

4. Hausbesuche ab sofort durch eNurses oder Betreuung an der Hotline?

Besonders in ländlichen Regionen nimmt der demografische Wandel stetig zu. Die Bevölkerung wird aufgrund des guten medizinischen Standards zunehmend älter, wobei das Alter oft auch die Immobilität vieler Menschen mit sich bringt. Der Besuch beim Arzt ist für viele immobile Patienten nur schwer oder auch gar nicht möglich, sodass Hausärzte diese Patienten in Hausbesuchen therapieren müssen. [19,20] Die Zeit für Hausbesuche muss bei jedem Arzt jedoch noch zusätzlich zur Sprechstundenzeit in seiner Praxis gerechnet werden – die Zeit ist also knapp bemessen, um alle Patienten ausreichend zu behandeln. Viele Ärzte gehen nach und nach in den Ruhestand, junge Ärzte zieht es in die Stadt, sodass ein Ärztemangel auf dem Land entsteht.

Als Teil eines Förderprogramms der Bayerischen Staatsregierung wurde das Projekt „eNurse“ in Oberfranken zur Verbesserung der Versorgung immobiler Patienten und zur Entlastung der Ärzte ins Leben gerufen. Eine eNurse muss zusätzlich zur Ausbildung als medizinische Fachangestellte eine Weiterbildung zur nicht-ärztlichen Praxisassistentin abgelegt haben. Durch den Einsatz von mobilen Endgeräten wird es möglich, Patientendaten aus der Praxis unterwegs abzufragen, Ärzten die Befunde direkt zukommen zu lassen oder spontan Videokonferenzen mit dem behandelnden Arzt abzuhalten. [20] Bei der Behandlung offener Wunden können die eNurses den Ärzten direkt Bilder zusenden, sodass weitere Therapie- und Behandlungsmaßnahmen sofort besprochen werden können. Das Projekt wird vom bayerischen Gesundheitsministerium mit ca. 192.000 Euro unterstützt, berichtet das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege. [20] Die Betreuung durch eNurses soll den Kontakt des Arztes mit seinen Patienten nicht ersetzen, sondern den Arzt lediglich unterstützen und entlasten. [19]

Patienten haben aber auch die Möglichkeit, sich telefonisch betreuen oder beraten zu lassen. Krankenkassen und Pharmaunternehmen bieten spezielle Hotlines an, bei denen man sich zu seiner Krankheit von medizinisch ausgebildetem Personal oder zu einem Medikament Rat einholen kann. Zur Krankheit Psoriasis hat beispielsweise das „Psoriasis Netz“ eine Übersicht erstellt, welche Firmen Hotlines zu ihrem Medikament oder sogar ganze Patientenprogramme zur Verfügung stellen. [21]

Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland GmbH (UPD) hat ein Angebot für Patienten und Angehörige entwickelt, das sich an gesetzlich, privat und auch nicht Versicherte richtet. Über eine kostenlose Beratungshotline können Fragen zu den Themen

  • Krankheiten,
  • Leben und Alltag mit einer Erkrankung,
  • Krankschreibung und Krankengeld,
  • Konflikte mit Krankenkassen und Ärzten,
  • Vorgehen bei Verdacht auf Behandlungsfehler und Anspruch auf Schadensersatz

gestellt werden. [22] Neben der Sprache Deutsch können Patienten zu bestimmten Uhrzeiten auch in Türkisch, Russisch und Arabisch beraten werden. [22] Die UPD stellt Interessierten aber auch eine Online-Beratungsplattform zur Verfügung, um via E-Mail oder auf einer Plattform einem Mitarbeiter direkt sein Anliegen zu beschreiben.
In vielen deutschen Städten ist das UPD-Beratungsmobil unterwegs, wo sich Patienten nach vorheriger Terminvereinbarung direkt vor Ort beraten lassen können. Online kann eingesehen werden, wann das UPD-Beratungsmobil in welcher Stadt unterwegs ist. Auch hier wird eine Beratung in den Sprachen Deutsch, Türkisch, Russisch angeboten. [22]

5. Chancen und Risiken von E-Health

Die Erfindung neuer Anwendungen und Technologien bringt viele Vorteile. Risiken können diese Gebiete aber auch bergen.

Im Bereich der Medikamentenentwicklung sind alle Prozesse von der Entwicklung bis zur Marktzulassung genau geregelt und die Wirksamkeit muss wissenschaftlich nachgewiesen sein. Bei Gesundheits-Apps ist dies bislang nicht der Fall. Die wissenschaftliche Evidenz fehle bisher komplett, so wurde bspw. noch nicht erforscht, ob sich die Anwendung dieser Apps überhaupt auf das Gesundheitsverhalten der Menschen auswirke und dieses verbessere. [7]

Die Nutzung einer App setzt den Besitz eines mobilen Endgeräts voraus, sodass Gesundheits-Apps lediglich von Smartphone- und Tablet-Nutzern verwendet werden können. In Deutschland nutzen 63 % der Einwohner ein Smartphone. Doch wie sollen die anderen Bürger erreicht werden? Die Autoren der CHARISMHA-Studie fordern, dass auch barrierearme digitale Angebote geschaffen werden, mit denen Menschen mit körperlicher Einschränkung oder mit Behinderungen erreicht werden können. Mobile Gesundheitsangebote sollen diesen Menschen helfen, ihre Gesundheitsprobleme besser zu meistern und selbstständiger zu leben. [7]
Problematisch scheint, dass selbst medizinisches Fachpersonal derzeit oft nicht einschätzen könne, wie seriös und gut eine App wirklich sei. Dasselbe Problem ergab sich bei der Patientenbefragung im Rahmen der Studie der Bertelsmann-Stiftung. 65 % der befragten Patienten gaben an, dass oft nicht klar ist, welche Informationen im Internet wirklich vertrauenswürdig sind. [5,7] Die CHARISMHA-Studie vom BMG ließ erkennen, dass es keine einheitlichen Qualitätskriterien für Gesundheits-Apps gibt. Ebenso soll es eine Verpflichtung für die Hersteller geben, eine qualitätsgesicherte Entwicklung in einem derart sensiblen Bereich der Medizin zu garantieren. Bisher fordern App-Stores von Apple und Android, dass die App-Anbieter einen Selbstbeschreibungstext und die Alterseinstufung der potenziellen Zielgruppe angeben. [7]
Aber nicht nur Informationen über das Internet und Apps werden immer wichtiger. 62 % der Teilnehmer einer Umfrage gaben an, dass sie bereit sind ihre Gesundheitsdaten über eine elektronische Gesundheitsakte an Ärzte und Apotheker weiterzugeben. [3] Zu diesem Zweck wurde 2015 die elektronische Gesundheitskarte (eGK) eingeführt, die die bisherige Krankenversichertenkarte vollständig ablöste. Die eGK enthält die Gesundheitsdaten des Patienten, wodurch z.B. ein Arztwechsel erleichtert und doppelte Untersuchungen oder gar Wechselwirkungen von Medikamenten vermieden werden können. Zusätzlich ist es möglich, einen Notfalldatensatz, elektronische Arztbriefe und elektronische Patientenakten zu hinterlegen. Durch die Speicherung der Daten ist ein einfacherer Austausch unter medizinischem Fachpersonal möglich, der dabei dennoch sicher ist. [9]

Gesundheitskarte in einem Geldbeutel

Die elektronische Patientenakte soll erst ab 2019 eingeführt werden, wobei die Anwendung auf freiwilliger Basis beruht. Darin sollen Daten wie

  • Notfalldatensatz
  • Medikationsplan
  • Arztbriefe und andere medizinische Dokumente (Mutterpass, Impfpass)

gespeichert werden. [9]

Die Meinung der Ärzte zur Telemedizin

Der Hartmannbund hat im März 2018 eine Umfrage bei ca. 4.000 Ärzten gemacht und deren Sicht und Meinung zur Telemedizin erörtert. Lediglich 38 % der befragten Ärzte waren der Meinung, dass die Möglichkeiten genutzt werden sollten, da die Ärzte genug Verantwortungsbewusstsein besitzen, um mit diesen Instrumenten umzugehen. Die restlichen 62 % sind der Meinung, dass damit Grenzen überschritten werden. [11] Vor allem Ärzte der älteren Generation haben Vorbehalte gegen die Telemedizin. [12] Ein Hausarzt aus Bayern ist der Meinung, dass die Telemedizin den persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt zerstört und ein kompletter Behandlungsprozess von Untersuchung, Krankschreibung und Rezeptausstellung per Computer das eigentliche Bild des Arztberufes zerstört. Ein Teil der Kommunikation mit den Patienten gehe dabei verloren. [12] Dr. Ralph von Kiedrowski, Vorstandsmitglied des BVDD (Berufsverband der Deutschen Dermatologen), ist der Meinung, dass die Videosprechstunde derzeit nur für technikbegeisterte Ärzte, vor allem im privatärztlichen Sektor, interessant sei. Die wenigsten Ärzte seien dazu bereit, zusätzliche Zeit ihrer Sprechstunde für die neue Technik zu investieren. [25] Die Telemedizin sei außerdem nicht geeignet für die Behandlung in medizinischen Notfällen, vor allem bei Verletzungen und Unfällen, bei denen zum Beispiel eine direkte Wundversorgung oder Frakturbehandlung erforderlich ist, berichtet die eedoctors-Ärztin Dr. Silvia Kurpanik in einem Interview. Dennoch ist sie der Meinung, dass die Telemedizin wie viele Neuerungen nur eine Sache der Gewohnheit ist und diese in einigen Jahren vollkommen alltäglich sein wird. [13]

121.Deutscher Ärztetag – Lockerung des Fernbehandlungsverbots

Vom 8. bis 11.05.2018 fand in Erfurt der 121. Deutsche Ärztetag statt. Eines der Top-Themen war die „Änderung des § 7 Abs. 4 MBO-Ä (Fernbehandlung)“. [15] Bisher galt für Ärzte ein berufsrechtliches Verbot für eine Fernbehandlung von Patienten. Aufgrund der zunehmenden Digitalisierung sollte dieses Verbot nun gelockert werden. Die große Mehrheit der Delegierten des Ärztetages hat der Änderung der ärztlichen Berufsordnung hinsichtlich der Fernbehandlung zugestimmt. Somit soll die Behandlung von Patienten über Kommunikationsmedien zukünftig auch ohne persönlichen Erstkontakt in einzelnen Fällen erlaubt sein, die Behandlungsqualität soll dabei gesichert bleiben. [14] Die Telemedizin soll den persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt jedoch nicht ersetzen, dieser gilt noch als der „Goldstandard“. Eine Krankschreibung per Ferndiagnose (Videokonferenz oder per Telefon) einer dem Arzt unbekannten Person wurde jedoch von den meisten Delegierten abgelehnt. [14] Weiterhin dürfen somit keine Erstdiagnosen per Bildschirmsprechstunde erfolgen, Krankschreibungen oder Arzneiverordnungen ausgestellt werden. [25]

Sinnvoll ist eine Online-Sprechstunde in ländlichen, unterversorgten Regionen. Dadurch können Versorgungslücken geschlossen und der Ärztemangel ausgeglichen werden. [25]

6. Fazit

In den letzten Jahrzehnten hat sich viel im Bereich der Digitalisierung getan. Das Leben wird mobiler und auch die Gesundheitsbranche immer digitaler. Patienten erwarten von Ärzten, dass diese ebenso erreichbar sind wie Freunde oder Familie. Die Gesetzgeber unterstützen den Ausbau von E-Health und Telemedizin, indem sie die Voraussetzungen dafür schaffen. Das Fernbehandlungsverbot soll nach Beschluss auf dem Deutschen Ärztetag gelockert werden, sodass in Ausnahmefällen auch Patienten ohne vorherige Erstbehandlung bei diesem Arzt telemedizinisch versorgt werden können. Nun liegt es an den Ärzten, wie sie sich in welcher Art an der digitalen Medizin beteiligen. Bisher ist nur etwa 1/3 der Ärzte dazu bereit, die Telemedizin in der Praxis anzuwenden. Auch Fälle, die notfallmedizinisch versorgt werden müssen, können mittels Telemedizin nicht behandelt werden. Aber die Zukunft lässt erwarten, dass Telemedizin in einigen Jahren für jeden alltäglich sein wird.
Verschiedene Firmen bieten an, dass Ärzte rund um die Uhr per Videochat oder Anruf kontaktiert werden können, wenn Patienten sich unsicher sind, ob sie zum Arzt gehen müssen oder noch eine Zweitmeinung wünschen. Durch den Einsatz derartiger Hilfsmittel kann verhindert werden, dass sich Patienten „gefährliches Halbwissen“ aneignen, meint Reinhard Meier, Gründer der TeleClinic. Die Bezahlung der Ärzte für eine Online-Sprechstunde sollte jedoch zukünftig angemessen ausfallen, um die Telemedizin auch für Ärzte attraktiv zu gestalten.

Eine sinnvolle Erweiterung der Krankenversichertenkarte war die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte 2015. Auf dieser Karte ist die Speicherung von Gesundheitsdaten jedes Patienten oder auch ein Notfalldatensatz, elektronische Arztbriefe und Patientenakten möglich, sodass der Austausch unter medizinischem Fachpersonal oder bspw. ein Arztwechsel erleichtert werden. Die Einführung der elektronischen Patientenakte ist erst für das Jahr 2019 geplant und soll auf freiwilliger Basis eingerichtet werden.

In den nächsten Jahren kann man mit weiteren Neuerungen in der digitalen Medizin rechnen und höchstwahrscheinlich wird die Arztsprechstunde per Videochat für jeden bald genauso alltäglich sein wie Online-Banking.

7. Referenzen

[1] Das World Wide Web wird eröffnet

[2] ESET untersucht das Einstiegsalter von Kindern in die digitale Welt

[3] Hauke Gerlof, Patienten erwarten E-Services vom Arzt, ÄrzteZeitung, Nr. 54-93D, 16.05.2018, S. 14

[4] Informationssuche im Internet bei Dr. Google

[5] Informationssuche im Internet bei Dr. Google, aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung

[6] Die Gesundheitsapp Ada Health

[7] Rebecca Beerheide, Gesundheits-Apps: Viele Chancen, wenig Evidenzen, Deutsches Ärzteblatt, Heft 26, 01.07.2016

[8] E-Health – Digitalisierung im Gesundheitswesen, Bundesgesundheitsministerium, 18.10.2017

[9] Die elektronische Gesundheitskarte (eGK), KV Nordrhein

[10] DrEd wieder in Deutschland willkommen (Apotheke adhoc)

[11] Ergebnis der HB-Umfrage – Das Fernbehandlungsverbot vor dem Aus?! Überfällig oder Tabubruch?

[12] Telemedizin auf dem Prüfstand, Deutschlandfunk

[13] Telemedizin – Hype oder Weg in die Zukunft?

[14] 121. Deutscher Ärztetag

[15] Programmheft des 121. Deutschen Ärztetages

[16] Deutscher Verlag für Gesundheitsinformation

[17] AWMF-Regelwerk Leitlinien

[18] Leitlinien der AWMF

[19] eNurse®

[20] eNurses – Krankenschwester 2.0

[21] Patientenprogramme für Psoriasis-Patienten

[22] Unabhängige Patientenberatung Deutschland GmbH

[23] TeleClinic

[24] Ein Porträt von TeleClinic in der Gründerszene

[25] Birte Schäffler, Telemedizin – Diagnose per Kamera, Healthcare Marketing, Nr. 6/Juni 2018, Jahrgang 13, SS. 68-70

Ihr Ansprechpartner

Kerstin Zohm
Business Development Assistant & Telesales Agent