Antibiotika Update I/2018

Wie im Artikel „Neue Arzneimittel 2018/2019 – Onkologie, Orphan Drugs und Immuntherapie“ vom 14. August 2017 bereits beschrieben, bilden sich immer mehr Resistenzen verschiedener Keime gegen Antibiotika aus. [1] Viele Antibiotika sind mittlerweile gar nicht mehr wirksam. Diese durch natürliche Mutationen entstandenen Resistenzen stellen in unserer Gesellschaft, in der das Wort „Hygiene“ großgeschrieben wird, große Probleme dar. Viele Forscher stehen vor der Aufgabe neue innovative Wirkstoffe zu entdecken und zu entwickeln.

Inhaltsverzeichnis

  1. Europäischer Antibiotikatag 2017
  2. Gibt es Möglichkeiten bakterielle und virale Infektionen zu unterscheiden?
  3. Auswirkungen der Antibiotikaresistenzen auf immungeschwächte Patienten
  4. Stand der Wissenschaft – neue Antibiotikamedikamente
  5. Fazit
  6. Referenzen

1. Europäischer Antibiotikatag 2017

Am 18. November 2017 fand der bereits zehnte Europäische Antibiotikatag in Wien statt.

Beim Europäischen Antibiotikatag 2017 fanden Vorträge von Fachpersonal aus Human- und Tiermedizin statt. Ein großer Themenpunkt war der übermäßige Einsatz von Antibiotika. [17] Die Problematik der Antibiotikaresistenzen betrifft nicht nur uns Menschen, sondern auch die Tierwelt, sowohl Kleintiere in Privathaushalten als auch Nutztiere. Besonders die Behandlung von Nutzvieh mit Antibiotika steht immer wieder zur Diskussion in der Gesellschaft. Herr Dr. Walter Obritzhauser stellte „Strategien für einen verminderten Antibiotikaeinsatz beim Milchrind in Österreich“ vor. Dr. Wolfgang Schafzahl stellte und beantwortete die Frage, ob eine antibiotikafreie Schweinemast noch Utopie oder Wirklichkeit sei. Es wird also nicht nur eine Reduktion von Antibiotika gefordert, es werden konkrete Vorschläge und Lösungen vorgestellt, um das Problem zu bekämpfen. [2]

Es wird dazu aufgerufen, Antibiotika umsichtiger einzusetzen. Auch Patienten soll bewusstgemacht werden, dass nicht nur die unnötige Einnahme zu Resistenzen führt, sondern auch die falsche Handhabung. Werden Antibiotika falsch eingenommen oder die Therapie sogar frühzeitig abgebrochen, können diese ihre Wirksamkeit gegenüber bakteriellen Infektionen verlieren. Bei der nächsten Anwendung kann das Mittel somit schon nicht mehr wirken.

Herr Prof. Markus Dettenkofer (Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums Freiburg) berichtete, dass viele Patienten die Therapie mit Antibiotika bei ihrem Arzt verlangen. [3] Das betrifft sowohl Eltern, die sich um ihre Kinder sorgen als auch erwachsene Berufstätige, die somit ihre Genesung beschleunigen wollen, um schneller wieder einsatzfähig zu sein. Viele wissen zudem nicht, dass Antibiotika ausschließlich bei Bakterien wirken, nicht aber bei Viren. Eine Grippe kann demnach nicht mit einem Antibiotikum behandelt werden. Außerdem unterscheiden sich die Antibiotika untereinander, es muss demnach immer abgewogen werden, welches Antibiotikum sinnvoll erscheint. Prof. Ferdinand Gerlach (Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin) erklärt, dass manche Antibiotika nur das weitere Wachstum der Bakterien hemmen und andere diese wiederum sogar abtöten. [3] Man sollte möglichst genau untersuchen, um welchen Erregerstamm es sich handelt, so ist eine gezielte Medikation möglich. Penizillin und Tetracyclin zählen zu den Breitbandantibiotika und wirken demnach gegen sämtliche Bakterienarten im Körper, sprich auch die körpereigenen Bakterien werden zerstört. Im Darm siedelt sich ein Großteil unseres Immunsystems an – unsere Darmflora. Jeder Bakterienstamm hat im Darm seine eigene Aufgabe für das Immunsystem. Werden diese Stämme zerstört, können wichtige Prozesse, wie zum Beispiel die Vitaminbildung, nicht mehr stattfinden, so Frau Mag. Frauwallner (Institut Allergosan). [4] In der heutigen Zeit sterben circa 700.000 Patienten an Infektionen mit multiresistenten Keimen, gegen die kein Antibiotikum mehr wirksam ist. [4] Der Entdecker des Penizillins Alexander Fleming sagte bereits voraus: „Die Zeit wird kommen, in der Penicillin jedermann kaufen kann. Dadurch besteht die Gefahr, dass der Unwissende das Penicillin in zu niedrigen Dosen verwendet. Indem er die Mikroben nun nicht tödlichen Dosen aussetzt, macht er sie resistent.“ Wir müssen mit diesem Problem heutzutage kämpfen. Der Apotheker und Gesundheitsökonom Gerd Glaeske forderte für Ärzte bereits im vergangenen Jahr Leitlinien für den Antibiotika-Einsatz, da es so etwas bisher nur für einzelne Krankheitsbilder gebe. [5][6]

Der Antibiotikatag sollte nicht nur Fachpersonal informieren und sensibilisieren. Auch jeder Bürger ist dazu aufgerufen, im Krankheitsfall beim Antibiotikaeinsatz auf die Hinweise des Arztes zu achten und die Medikation nicht vorzeitig abzubrechen. Sollten Fragen und Unverträglichkeiten auftreten, sollte jeder Rücksprache mit seinem Arzt halten.

2. Gibt es Möglichkeiten bakterielle und virale Infektionen zu unterscheiden?

Um die Behandlung einer Virusinfektion, wie zum Beispiel die eben erwähnte Grippe, mit einem Antibiotikum zu verhindern, sollte es Methoden zur Unterscheidung geben. Diese gibt es auch! Aussagekräftig ist bei der Untersuchung des Patienten und der Diagnosestellung das Level des C-reaktiven Proteins (CRP) im Blut. CRP ist ein Protein, das vor allem bei Infektionen, Entzündungen und Gewebeschäden als Immunreaktion in der Leber vermehrt gebildet wird. [7] In Folge einer bakteriellen Infektion steigt der CRP-Spiegel stark an, wohingegen dieser Anstieg bei einer Virusinfektion in der Regel ausbleibt. [8] Mittlerweile gibt es diverse Schnelltests, die innerhalb von beispielsweise zwei Minuten ein Ergebnis liefern. Der behandelnde Arzt hat somit die Möglichkeit, in kurzer Zeit anhand des Ergebnisses eine geeignete Medikation festzulegen. Ein CRP-Wert von über 50 mg/L weist dabei auf die Schwere der Erkrankung hin. 50 mg/L entsprechen einer leichten, 100 mg/L einer schweren Erkrankung. Dabei kann anhand der Symptome analysiert werden, welche Erkrankungen in Frage kommen und ob es sich eventuell um eine bakterielle Infektion handelt. In diesem Fall ist der Einsatz eines Antibiotikums erst sinnvoll. In einer Studie in Vietnam konnte so der Einsatz von Antibiotika bei akuten Atemwegserkrankungen reduziert werden. [9] Ein solcher CRP-Test wurde von der Firma Orion Diagnostica entwickelt. Mit dem QuikRead go CRP ist es möglich innerhalb von zwei Minuten ein aussagekräftiges Ergebnis zu erhalten. [10] Der Krankheitsverlauf kann anhand des CRP-Wertes auch weiterverfolgt werden. Schlägt die Medikation an, sinkt der CRP-Spiegel wieder. [10]

In einer gemeinsamen Initiative von Roche Diagnostics und Orion Diagnostica „Erst testen, dann verordnen – für einen verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika“ wird gefordert, dass die Krankenkassen die Erstattung des CRP-Tests in ihr Programm mit aufnehmen. Bisher werden diese Tests von den gesetzlichen Krankenversicherungen nicht vollständig gezahlt. In den Niederlanden wird der Test bereits großflächig angewandt, sodass weniger Antibiotika verschrieben werden – die Niederlande besitzt damit die niedrigste Verordnungsrate in Europa. Durch die Verwendung des CRP-Tests können Kosten eingespart werden und auch für den Arzt bietet es den Vorteil, dass eine viel schnellere und vor allem sichere Diagnose gestellt werden kann. Das ist natürlich gleichzeitig ebenso ein Vorteil für jeden Patienten, der dadurch effektiver behandelt werden und schneller genesen kann. [11]

3. Auswirkungen der Antibiotikaresistenzen auf immungeschwächte Patienten

Die Ausbildung von Antibiotikaresistenzen geschieht aber auch in Krankenhäusern und Pflegeheimen, dort, wo wir die größte Hygiene erwarten. [12] Und genau da liegt das Problem. In Kliniken muss alles möglichst steril sein, um die sowieso schon immungeschwächten Patienten nicht zu infizieren. Durch den Einsatz von Antibiotika und Desinfektionsmitteln werden die Keime in diesen Einrichtungen stark beansprucht, es gibt jedoch immer wieder einzelne Keime, die diese „Tortur“ überleben und dabei die Resistenz ausbilden. So entstehen z.B. multi-resistente Staphylococcus aureus-Keime (kurz: MRSA). Gelangen diese Keime anschließend an einen immungeschwächten Patienten, können sie sich hier sehr gut ansiedeln und vermehren. Ein infizierter Patient sollte unter Quarantäne gestellt werden, was aufgrund des Einzelzimmermangels in deutschen Krankenhäusern meistens unmöglich wird. Der Zimmergenosse kann sich somit ebenfalls leicht anstecken. In Deutschland herrscht außerdem ein starker Mangel an Pflegekräften, sodass ein Pfleger auch immer mehrere Patienten gleichzeitig zu betreuen hat. [13] Die Übertragung durch die Pflegekräfte von Patient zu Patient ist somit auch nicht ausgeschlossen. Und damit beginnt die Verbreitung in der Einrichtung.
Es wird geschätzt, dass jährlich zwischen 6.000 und 15.000 Menschen an dem Erreger sterben. [14]

Gegen den Mangel an Pflegekräften wird aber aktiv vorgegangen. Der Grosch Patienten Service (GPS) bietet Kliniken und Pflegeeinrichtungen hochqualifizierte Mitarbeiter, um eben diesem Mangel entgegenzuwirken. In Arbeitnehmerüberlassung werden die Pflegekräfte in den Einrichtungen von GPS überlassen.

4. Stand der Wissenschaft – neue Antibiotikamedikamente

Zurzeit stecken einige Unternehmen der Pharmaindustrie viel Zeit in die Erforschung der neuen Wirkstoffe. Von manchen Präparaten hat Grosch Pharma Service am 14. August 2017 bereits berichtet. Plazomicin der Firma Achaogen befindet sich derzeit in Phase III Studien und in diesem Jahr soll die Zulassung auch in Europa beantragt werden.

Das deutsche mittelständische Unternehmen Apogepha hat mit dem Arzneimittel Pivmelam® ein Antibiotikum entwickelt, das gezielt eine akute unkomplizierte Zystitis bei Erwachsenen bekämpft. Das Antibiotikum gehört zu den Penicillinen, wobei die üblichen Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall häufig auftreten. Durch Einstellung der Wirkstärke können die Häufigkeit und Schwere der unerwünschten Arzneimittelwirkungen jedoch reduziert werden, die Antibiotika-Wirksamkeit bleibt gleich. [15] Große Hoffnung wird natürlich in die Antibiotika gesteckt, die bereits das Zulassungsverfahren durchlaufen haben. Meropenem + Vaborbactam (Rempex Pharmaceuticals) wurde in den USA bereits zur Behandlung von Harnwegsinfektionen zugelassen, in Europa läuft das Zulassungsverfahren derzeit. Ein weiteres Breitbandantibiotikum ist Eravacyclin der Firma Tetraphase, was sich gegen Infektionen des Bauchraums richtet, die durch Gram-positive oder Gram-negative Bakterien verursacht wurden. [16]
In der folgenden Tabelle sind einige der Antibiotika aufgelistet, die sich derzeit in klinischen Studien oder auch schon im Zulassungsverfahren in Europa befinden.

Antibiotikum, Firma Indikation Status
Meropenem + Vaborbactam, Rempex Pharmaceuticals Infektionen mit gramnegativen Bakterien, darunter Carbapenem-resistenten Enterobakterien EU-Zulassungsverfahren
Eravacyclin, Tetraphase Bauchrauminfektionen durch Gram‑positive und Gram‑negative Bakterien EU-Zulassungsverfahren
Plazomicin, Achaogen Aminoglykosid gegen Lungen- und Harnwegsinfektionen Phase III Studien
Lefamulin, Nabriva Therapeutics AG Lungen- und Hautentzündungen Phase III bzw. II Studien
Cefiderocol, Shionogi Multiresistente Gram-negative Bakterien Phase III Studien
Cadazolid + Bezlotoxumab, Actelion Pharma-ceuticals & MSD Durchfallerkrankung durch den Darmkeim Clostridium difficile Phase III Studien


In den nächsten Monaten ist daher damit zu rechnen, dass einige Präparate auf den deutschen Markt kommen und der Resistenzproblematik entgegenwirken. Die Übersicht stellt nur eine Auswahl der Produkte dar, die uns in nächstmöglicher Zeit zur Verfügung stehen können.

5. Fazit

Der Europäische Antibiotikatag gibt Anlass dazu, dass sich medizinisches Fachpersonal und vor allem auch Patienten Gedanken über den Einsatz von Antibiotika machen. Viele sinnvolle Tests im Vornherein geben Aufschluss darüber, ob Antibiotika wirksam sind oder ob es sich eventuell um eine Virusinfektion handelt.
Viele Firmen in der Pharmaindustrie können mit der Entwicklung neuer antimikrobieller Substanzen in der heutigen Zeit große Fortschritte und Meilensteine in der Medizin bringen. Die Forschung nach solchen Wirkstoffen muss demnach gefördert und unterstützt werden. Ebenso sollte medizinisches Fachpersonal verstärkt aufgeklärt werden, um ihre Patienten richtig zu behandeln und diese wiederum über Antibiotika vermehrt zu informieren.

6. Referenzen

[1] Neue Arzneimittel 2018/2019 – Onkologie, Orphan Drugs und Immuntherapie

[2] Symposium zum 10. Europäischen Antibiotikatag 2017

[3] Wann Antibiotika wirklich sinnvoll sind (Zugriff: 24.01.18)

[4] Den Antibiotika auf der Spur (Zugriff 24.01.18)

[5] Glaeske fordert Antibiotika-Leitlinie für Ärzte (Deutsche Apothekerzeitung, Zugriff 24.01.18)

[6] Glaeske fordert Antibiotika-Leitlinie (Apotheke adhoc, Zugriff 24.01.18)

[7] C-reaktives Protein (CRP): Entzündungsparameter (Zugriff 23.01.18)

[8] CRP-Schnelltest vermindert Antibiotika-Gebrauch bei Atemwegsinfektionen (Zugriff 23.01.18)

[9] Nga et al., 2. August 2016, Point-of-care C-reactive protein testing to reduce inappropriate use of antibiotics for non-severe acute respiratory infections in Vietnamese primary health care: a randomised controlled trial, Lancet Global Health 2016; 4: S. 633–641

[10] Quikread go

[11] Experten fordern: Gesetzliche Krankenkassen sollen quantitative PoC-CRP-Testung in Erstattung aufnehmen (Zugriff 24.01.18)

[12] Resistente Keime in Krankenhäusern (Zugriff 24.01.18)

[13] Aufnahmestopp im Seniorenheim (Zugriff 24.01.18)

[14] MRSA-Keime auf der Frühchenstation (Zugriff 24.01.18)

[15] Pivmecillinam in neuer Wirkstärke

[16] Neue Antibiotika: Den Vorsprung gegenüber resistenten Bakterien wahren

[17] Europäischer Antibiotikatag 2017

Ihr Ansprechpartner

Kerstin Bernecker
Business Development Assistant & Telesales Agent